Kurzberichte

Workshop-Phase I am Dienstag, 12.09.2023

Dieser Kurzbericht wurde aus der Perspektive einer teilnehmenden Person verfasst und gibt einen Einblick in die Workshopinhalte.

Referierende:

Golschan Ahmad Haschemi und Romina Wiegemann (Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment)

Inhalt:

Rassismus und Antisemitismus sind historisch gewachsene, gegenwärtige Gewaltverhältnisse und Weltbilder, die zwar unterschiedliche Theorie- und Entwicklungsgeschichten haben und nehmen, aber auch unzählige Verschränkungen aufweisen. Ihre Gemeinsamkeiten treten jedoch allzu oft in den Hintergrund, etwa wenn eines der beiden Phänomene ausgeblendet wird oder Antisemitismus und Rassismus gegeneinander ausgespielt werden. Der Workshop rückte Schnittmengen und Auswirkungen beider Ungleichheitsverhältnisse in den Vordergrund und schuf einen gemeinsamen Empowerment-Raum.

Erkenntnisse:

Die Teilnehmenden reflektierten erst ihre Auseinandersetzung als Betroffene von Antisemitismus und/oder Rassismus und anschließend ihren Bezug zu der jeweils anderen Diskriminierungsform. Teilnehmende, die von beiden Diskriminierungsformen betroffen waren, reflektierten – soweit möglich – unabhängig voneinander die eigene Auseinandersetzung mit beiden Diskriminierungsformen. Diese Reflexion eigener Diskriminierungserfahrungen führte nicht nur zu Trauer und Wut, sondern auch zu Empowerment-Empfinden und Resilienz, vor allem zur Erkenntnis, mit den eigenen Erfahrungen nicht allein zu sein.

Im Austausch innerhalb von Kleingruppen erkannten die Teilnehmenden einige Parallelen zwischen rassistischen und antisemitischen Diskriminierungserfahrungen – beispielsweise, dass unmittelbare Diskriminierungserfahrungen häufig erst retrospektiv wahrgenommen oder benannt werden können, insbesondere wenn diese Erfahrungen bis in die Kindheit zurückreichen.

Während Rassismus auch aus Sicht nicht Betroffener relativ früh – zum Beispiel durch rassistische Kinderlieder oder -spiele – erfahren wurde, erfolgte eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus aus der Perspektive nicht Betroffener meist erst sehr spät. Die Teilnehmenden äußerten überwiegend den Wunsch, in Bildungsinstitutionen Antisemitismus als modernes Alltagsphänomen früher zu thematisieren. Auch eine überwiegend theoretische, akademisierte Perspektive auf Antisemitismus merkten die Teilnehmenden als Hürde für eine individuelle und gesellschaftliche, tiefergehende Aufarbeitung von Antisemitismus an.

Abschlussrunde: Was nehmen die Teilnehmenden aus dem Workshop mit?

Am Ende stand das Gefühl, Empowerment und Verbundenheit aus dem Workshop mitzunehmen; zudem die Motivation, das eigene Engagement und die eigene Bildungsarbeit fortzusetzen, selbst wenn dies Kraft koste. Der Workshop schärfte das Bewusstsein für die Überschneidungen von Rassismus und Antisemitismus und regte an, sich künftig noch tiefer mit eigenen
Diskriminierungserfahrungen auseinanderzusetzen.

Deutlich betont wurden die Notwendigkeit eines kollektiven Vorgehens von Menschen mit verschiedenen Diskriminierungserfahrungen sowie die Kraft persönlicher Begegnungen und des Austauschs.

Dieser Kurzbericht wurde aus der Perspektive einer teilnehmenden Person verfasst und gibt einen Einblick in die Workshopinhalte.

Referentin:

Tú Qùynh Nhu Nguyễn

Inhalt:

Rassismuskritische politische Bildung verspricht als Widerstandspraxis ein emanzipatorisches Potenzial – insbesondere für Menschen, die Rassismuserfahrungen machen. Jedoch werden derartige Angebote nicht von allen wahrgenommen. Dass bestimmte Zielgruppen nicht erreicht werden, offenbart die Existenz von Barrieren. Rassismus- und Klassenstrukturen erschweren Zugänge zu (politischer) Bildung. Wie lässt sich rassismuskritische Bildungsarbeit auch klassismuskritisch konzipieren, um Menschen mit erschwertem Zugang zu erreichen?

Erkenntnisse:

Diskriminierung beruht auf der Differenzierung von Menschen anhand von Zuschreibungen, mit denen sich scheinbar gleichartige Gruppen hierarchisieren lassen, sowie auf historisch gewachsenen Machtverhältnissen, die den Zugang zu Ressourcen einschränken. Auch das Bildungssystem offenbart rassistische Strukturen, wenn beispielsweise rassifizierte Personen mit geringerer Wahrscheinlichkeit ein Studium beginnen. Rassistische und klassizistische Strukturen haben eine Funktionalität, durch die sich die Schwierigkeit erklärt, strukturelle Diskriminierung im Bildungssystem aufzubrechen. Bestimmte Zielgruppen mit Bildungsarbeit, zum Beispiel Vertrauensarbeit, zu erreichen, ist ressourcenaufwendig.

Die Finanzierung von Angeboten bei nur wenigen Teilnehmer_innen lässt sich nur schwer rechtfertigen, da die Teilnehmer_innen-Anzahl häufig als vermeintliches Relevanzmerkmal des Angebots angewandt wird. Strukturelle Veränderungen setzen daher voraus, sich von einer ökonomisierten Bildung hin zu anderen Bewertungskriterien zu entwickeln. Rassismus und Klassismus sind eng miteinander verschränkt. Rassismus deklassiert und Diskriminierung vermittels Rassismus und Klassismus schneidet bestimmte Personengruppen systematisch von Ressourcen ab (Geld, Bildung, Anerkennung, Teilhabe). Beispielsweise liefert der Mythos der Meritokratie, also das Narrativ der Chancengerechtigkeit, eine legitimierende Erklärung für die soziale Realität von Ungleichheiten und ermöglicht die Aufrechterhaltung der Struktur.

Zwei Handlungsoptionen wurden während des Workshops genannt: Erstens Zugang zu ermöglichen, indem die Zielgruppe spezifiziert und das Angebot auf sie zugeschnitten wird – dabei sollte auf bedeutsame Aspekte geachtet werden: Wie und wo das Angebot ausgeschrieben wird (über welche Kanäle, in welcher Sprache); wie voraussetzungsreich sein Inhalt ist (unter anderem verschiedene Codes, Begriffe, Formulierungen, Grafiken); und welche Ressourcen für die Nutzung des Angebots nötig sind (unter anderem Zeit, Kinderbetreuung). Und zweitens Lobbyarbeit, um Bündnisse zwischen Bildungsarbeiter_innen herzustellen, mit denen sich Kampagnen organisieren lassen, um Missstände sichtbar zu machen und Forderungen zu formulieren (zum Beispiel nach neuen Bildungsplänen).

Dieser Kurzbericht wurde aus der Perspektive einer teilnehmenden Person verfasst und gibt einen Einblick in die Workshopinhalte.

Referentin:

Berena Yogarajah

Inhalt:

Menschen mit direkten Rassismuserfahrungen („Betroffene“) und Menschen ohne diese Erfahrungen unterliegen einer strukturellen Rollenaufteilung, die oftmals eine Begegnung auf Augenhöhe verhindert. Im Grunde sind alle „Betroffene“ einer Rollenerwartung: Die einen werden in der Rolle der „Helfenden“ und die anderen in der Rolle der „Betroffenen“ festgeschrieben. Die „Helfenden“ haben mitunter Angst, Fehler zu machen, und sind dadurch vielleicht sogar mehr um sich selbst als um andere besorgt. Aber auch, indem man Menschen die Rolle von „Betroffenen“ zuweist, wird Passivität suggeriert. Der Begriff der „Betroffenen“ ist daher problematisch, er wird den Unterschieden innerhalb der Gruppe der „Betroffenen“ nicht gerecht und dient letztlich vor allem als Ersatz für den Begriff „Opfer“. Auch die Gruppe der „Helfenden“ ist, vor allem aus einer intersektionalen Perspektive, nicht homogen.

Erkenntnisse:

Strukturelle Ungerechtigkeit kann nicht durch das Handeln Einzelner auf individueller Ebene ausgeglichen werden. Um eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu erreichen, ist es hilfreich, sich die Ressourcen von „Betroffenen“ vor Augen zu führen. „Betroffene“ können oft gut für sich selbst sorgen, sind Expert_innen ihrer Situation – ohne ihre Perspektive fehlt schlicht ein Teil der Realität. Es gibt unzählige Gründe, „Betroffene“ zu hören: Perspektiven, die der konstruierten Norm entsprechen, sind nicht universell. Es gibt situiertes (das heißt kein aus allen Perspektiven gültiges) Wissen und Wissenslücken. Die Welt ist durchzogen von Machtstrukturen, die schnell reproduziert werden.

„Betroffene“ wissen selbst am besten, worum es ihnen geht, was sie brauchen. Die Lösung aber darin zu sehen, sich um Repräsentanz zu bemühen, ist zu kurz gegriffen und vereinfacht. Darin liegt die Gefahr, dass andere Menschen die Verantwortung komplett abgeben, über etwas zu sprechen und als Konsequenz auch zu handeln. In der Gleichzeitigkeit von Awareness und Empowerment liegt ein Dilemma. Die „Helfenden“ haben den Anspruch, rücksichtsvoll zu agieren. Mit falscher Rücksicht wird den „Betroffenen“ jedoch die Möglichkeit vorenthalten, ernst genommen zu werden und selbst in einen lernenden Austausch gehen zu dürfen. Hier kann die zuvor beschriebene Haltung von Demut statt Rücksicht helfen.

Einige Dilemmata lassen sich indes nicht auflösen und können nur sehr situationsabhängig beurteilt werden – nach bestem Wissen und Gewissen sowie in Rücksprache mit den „Betroffenen“.

Dieser Kurzbericht wurde aus der Perspektive einer teilnehmenden Person verfasst und gibt einen Einblick in die Workshopinhalte.

Referierende:

akiko rive und Cuso Ehrich (korientation e.V.)

Inhalt:

Der Workshop der Referent_innen akiko rive und Cuso Ehrich stellte unter anderem die Fragen: Was haben Identität und Selbstzuschreibungen mit Kolonialismus zu tun? Wie vermitteln wir Wissen in den Lernräumen, die wir kreieren? Und wie kann ein gemeinsamer Austausch gelingen, in dem wir uns in Selbstkritik und Verantwortungsübername in unserer Praxis üben?

Erkenntnisse:

Der Workshop verknüpfte mit einer intersektionalen Perspektive anti-asiatischen Rassismus, Queerness und deutsche Kolonialgeschichte miteinander. Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Workshops war der historisch-analytische Blick auf eine Kontinuitätslinie der Verbindung von Hetero-Cis-Sexismus und Rassismus, die während der Kolonialisierung begann und sich bis heute auf anti-asiatischen Rassismus auswirkt. Im Rahmen des Workshops wurde dargelegt, wie die Durchsetzung von europäischen Konstrukten wie Zweigeschlechtlichkeit oder Heteronormativität koloniale Gewalt und Kolonialrassismus legitimierte.

Die Biologisierung zugeschriebener Eigenschaften, die Dichotomisierung von „zivilisiert versus unzivilisiert“, die Exotisierung von (Frauen-)Körpern sowie Rassifizierungsvorgänge untermauerten die Kolonialisierung. In ihrer Gesamtheit stellen sie heutzutage die Grundlage antiasiatischer Ressentiments dar. So zeigt sich anti-asiatischer Rassismus bis heute unter anderem in einer Hyperfeminisierung und Fetischisierung asiatisch markierter Frauen und einer Demaskulinisierung von asiatisch markierten Männern, was ein spezifisches Gewaltverhältnis begünstigt. Als ein weiterführendes Beispiel für fehlende intersektionale Perspektiven wurde der Entwurf des Selbstbestimmungsgesetzes besprochen.

Die rechtliche Grundlage legt ihren Fokus auf weiße trans Personen; die spezifische Situation nicht-weißer, bspw. asiatisch gelesener, queerer Personen findet so keine Beachtung. Konkrete Bedarfe bestehen in offenen Zugängen und mehr Repräsentation von Menschen mit intersektionalen Perspektiven in Gestaltungs- und Entscheidungspositionen – der Fokus liegt hier auf mehreren Diskriminierungsmerkmalen wie unter anderem Hautfarbe, ethnische Herkunft, Religion, Geschlecht oder sexuelle Orientierung. Zudem scheint es notwendig, eine Demaskierung des „Diversität als moderner Trend“-Narrativs sowie eine generationenübergreifende Auseinandersetzung mit der historisch gewachsenen Verschränkung von Queer- und Transfeindlichkeit und geschlechtsspezifischem (anti-asiatischen) Rassismus anzustoßen.

Empfehlung:

korientation. Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven e.V. (2023): Anti-Asiatischer Rassismus: Eine Einführung in die politische Bildungsarbeit [Broschüre]

Zu finden unter: https://www.korientation.de/projekte/radar/broschuere-anti-asiatischer-rassismus/ (22.11.2023)

Dieser Kurzbericht wurde aus der Perspektive einer teilnehmenden Person verfasst und gibt einen Einblick in die Workshopinhalte.

Referentin:

Ceren Türkmen

Inhalt:

Welch große Gefahr rechtsterroristische Strukturen, Netzwerke und institutioneller Rassismus für migrantisierte und von Rassismus betroffene Menschen darstellen, ist verstärkt seit der Selbstenttarnung des rechtsterroristischen NSU im Jahr 2011 deutlich geworden. Betroffene, Überlebende und Angehörige selbst haben gemeinsam mit solidarischen Gruppen, Vereinen, Einzelpersonen und der Zivilgesellschaft für eine umfassende Aufklärung, gesellschaftspolitische Auseinandersetzung und würdevolle Erinnerung gekämpft. Das haben auch bereits Opfer von rechter, rassistischer oder antisemitischer Gewalt in den 1980er und 1990er Jahren getan – nur wurden sie kaum gehört. Die daraus entstandene erinnerungskulturelle Lücke hat Risse in der Gesellschaft hinterlassen. Doch was bedeutet Erinnern in diesem Kontext überhaupt und wie kann eine rassismuskritische Erinnerungsarbeit aussehen?

Erkenntnisse:

Rassismuskritische Erinnerungspraxis ist Teil der politischen Bildungsarbeit: Bildung als institutioneller Rahmen, um über Rassismen zu sprechen und aufzuklären sowie um politische Bildungsarbeit gegen Rassismus zu organisieren. Was sind die Ziele rassismuskritischer Bildungsarbeit? Rassismus in gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen zu thematisieren; über verschiedene Ausprägungen, Funktions- und Wirkungsweisen aufzuklären; konkrete Erfahrungen zu thematisieren und Machtstrukturen zu reflektieren; Strategien zu entwickeln, um von rassistischer Diskriminierung Betroffene zu stärken.

Aus der Frage: „Wer wurde bisher im kollektiven Gedächtnis erinnert und wer NICHT?“, geht die weiterführende Frage hervor: „Wer gehört zu dieser Gesellschaft?“ Seit ca. drei Jahren befinden sich Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur in einem (positiven) Umbruchprozess. Die entstehende Erinnerungsarbeit ist zwar durchaus kontrovers, aber muss rassismuskritisch sein. Dabei entstehen Situationen, die aus verschiedenen Perspektiven unterschiedlich bewertet werden – hier ist eine Konkurrenz beim Erinnern zu vermeiden. Die Workshopreferentin verweist an dieser Stelle auf Ansätze multiperspektivischer Erinnerung, bei denen mehrere Perspektiven nebeneinander und in ihrer Singularität Platz finden, um solidarisiert einer von außen an sie herangetragenen Erinnerungskonkurrenz entgegentreten zu können.

Erinnerungsarbeit kann Gesellschaften demokratisieren, schafft Identität und ist zugleich (kollektive) Trauerarbeit. Geschichte ist nichts Vergangenes. Deshalb ist eine rassismuskritische Erinnerungspraxis elementar für eine vereinte Gesellschaft. Erinnerungsarbeit darf nicht nur Institute oder Verwaltungen, sondern muss auch die Stadtgesellschaft repräsentieren. In rassismuskritischer Bildungsarbeit hat deshalb Vermittlung einen besonderen Stellenwert – um viele Menschen partizipieren zu lassen. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit dem Thema gerade auch für Verwaltungen wichtig.

Empfehlungen:

www.ein-anderes-duisburg.de Türkmen, Ceren (2020):“Migration und Rassismus in der Bonner Republik. Der Brandanschlag in Duisburg 1984″, in: Lydia Lierkes/ Massimo Perinelli (Hg.), Erinnern Stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive, Berlin:

Verbrecher Verlag. Köbberling, Gesa (2018): Beratung von Opfern rechter und rassistischer Gewalt. Herausforderungen Sozialer Arbeit zwischen individueller Hilfe und politischer Intervention, Bielefeld: transcript Verlag.

Workshop-Phase II am Mittwoch, 13.09.2023

Dieser Kurzbericht wurde aus der Perspektive einer teilnehmenden Person verfasst und gibt einen Einblick in die Workshopinhalte.

Referierende:

Verena Meyer und Kim Annakathrin Ronacher

Inhalt:

Organisationen, Teams und Projekte der politischen Bildung variieren in ihrer Struktur, zum Beispiel im Hinblick auf Hierarchien und Entscheidungsprozesse. Davon unabhängig ist jedoch die Notwendigkeit von Diversitätsorientierung und Diskriminierungssensibilität für Führungskräfte – insbesondere in der politischen Bildung, die sich für eine pluralistische Gesellschaft einsetzt. Der an Führungskräfte gerichtete Workshop behandelte die Frage, wie diskriminierungskritisches Leiten erfolgreich umgesetzt werden kann, welche Herausforderungen und Ressourcen damit verbunden sind und welche Verantwortung Leitungspersonen in Diskriminierungsfällen tragen. Auch rechtliche Rahmenbedingungen wurden diskutiert.

Erkenntnisse:

Im rechtlichen Kontext von Diskriminierungsschutz am Arbeitsplatz stehen Führungskräfte in der Pflicht, Diversitätsorientierung und Diskriminierungssensibilität auf allen Ebenen ihrer Organisation mitzudenken. Die Grundpfeiler eines inklusiven Leitens sind Präventivarbeit, eine angemessene Aufarbeitung sowie Nachsorge bei Diskriminierungsvorfällen. Diskriminierungen sollten nicht als Konflikte begriffen und daher auch nicht mit Methoden der Konfliktberatung (zum Beispiel Mediation und vermittelnde Gespräche) angegangen werden. Denn während bei Konflikten alle Beteiligten einen (gleichwertigen) Anteil haben, liegt bei Diskriminierungen die Verantwortung allein bei den diskriminierenden Personen, nicht hingegen bei den Betroffenen.

Vorgesetzte sind verpflichtet zu handeln, wenn sie von Diskriminierung erfahren. Sie müssen die Vorfälle aufklären und Maßnahmen und Sanktionen zum Schutz der diskriminierten Person und zur Verhinderung von weiterer Diskriminierung entscheiden und umsetzen. Marginalisierte Gruppen in Netzwerke einzubeziehen, wurde als äußerst wertvoll angesehen, damit Bildungsangebote und Karrierechancen auch diejenigen erreichen, die davon besonders profitieren könnten. Organisationen, die hauptsächlich von weißen Mitgliedern geprägt sind, sollten künftig mit ihren Bewerbungsverfahren einen diverseren Pool von Bewerber_innen ansprechen – auch unter dem Aspekt, dass weiße Führungskräfte ihre Privilegien erkennen und zugunsten einer inklusiveren Organisation nutzen können. In Kleingruppen kristallisierte sich bei den Teilnehmenden das Bedürfnis nach einer niedersachsenweiten Vernetzung und einem Austausch zu Themen innerbetrieblicher Verankerung von Diskriminierungsschutz heraus.

Abschluss:

In einer Standortbestimmung setzten sich die Teilnehmenden mit künftigem Verhalten, offenen Fragen und Unsicherheiten sowie Wissenslücken auseinander. Einige äußerten ein starkes Bedürfnis nach kollegialem Austausch, Bündnissen und Wissensnetzwerken für eine gegenseitige Unterstützung, ferner nach einer angemessenen Aufarbeitung diversitätsorientierter Leitung in der Fachliteratur. Wichtig sind die Selbst-Reflexion und das Bewusstsein, dass (mehrfach) privilegierte Führungskräfte andere Perspektiven mitbringen als von Diskriminierungen betroffene Menschen. Externe Expertise in Form von Coaching kann hier sinnvoll sein. Insgesamt sind Diversitätsorientierung und Diskriminierungssensibilität für die Zukunftsfähigkeit einer jeden Organisation von enormer Bedeutung.

Dieser Kurzbericht wurde aus der Perspektive einer teilnehmenden Person verfasst und gibt einen Einblick in die Workshopinhalte.

Referent:

Modou Diedhiou (Schwarze Schafe e.V.)

Inhalt:

Lernräume der politischen Bildung für und mit Jugendlichen sind sehr wichtig, müssen aber mit Augenmerk auf rassismuskritische politische Bildung Schutzräume für Jugendliche mit Rassismuserfahrung(en) bieten. Zwischen Lern- und Schutzraum herrscht zwar ein Spannungsfeld, doch sollte Lernen nicht auf Kosten einzelner Personen geschehen.

Erkenntnisse:

Mit Jugendlichen über Rassismus zu sprechen, bedeutet auch, einen sensiblen Umgang mit Sprache zu erlernen. Wir alle reproduzieren Rassismus auf verschiedenen Ebenen und haben von klein auf rassistische Sprache erlernt. Dies anzuerkennen, schafft das Fundament für das Erlernen eines möglichst sensiblen Umgangs mit Sprache – „möglichst“, da der Sprachgebrauch nicht jederzeit und vollkommen frei von Rassismus sein wird. Wenn wir über etwas sprechen, sprechen wir oft aus der Perspektive der (vermeintlichen) Norm und nicht über das, was außerhalb dieser Norm liegt. Auch die Lebensrealitäten von Jugendlichen müssen berücksichtigt werden.

Diskriminierung wird immer aus intersektionaler Perspektive betrachtet: Eine Schwarze Frau macht Diskriminierungserfahrungen, in denen sich Rassismus und Sexismus verschränken. Eine Schwarze Frau macht dadurch andere Rassismuserfahrungen als beispielsweise ein Schwarzer Mann. Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten, sollten genau wissen, für wen das Angebot ist. Denn die Herangehensweise an rassismuskritische Themen ist unterschiedlich – je nachdem, ob von Rassismus betroffene Menschen, von Rassismus nicht betroffene Menschen oder beide Positionierungen im Raum sind. Zudem macht es einen Unterschied, ob Jugendliche freiwillig am Workshop teilnehmen oder nicht (zum Beispiel als Klassenverband). Außerdem sollten sich die Fachkräfte im Klaren über ihre Einstellungen zu den Jugendlichen sein.

Sie sollten die Meinung der Jugendlichen respektieren, nicht gegen, sondern für sie da sein und auch nicht stellvertretend für das Lehrpersonal handeln. Im Workshop wurde herausgearbeitet, dass die Methoden sich der Zielgruppe und den Inhalten anpassen und nicht umgekehrt. Hierbei ist auf die Freiwilligkeit der Teilnahme an den Methoden zu achten und darauf, dies gegenüber der Gruppe auch zu betonen; ebenso, dass niemand eigene Diskriminierungserfahrungen teilen muss. Dabei ist eine Sensibilität dafür angebracht, dass es gruppendynamische Gründe haben kann und rassistische Erfahrungen eine Rolle spielen können, wenn sich einzelne Menschen aus einer Übung herausziehen.

Entsprechend wurde im Workshop deutlich, wie wichtig es für Fachkräfte ist, eine Sensibilität für gesellschaftliche und situative Machtverhältnisse, heterogene Lebensrealitäten und daraus resultierende Gruppendynamik von Jugendlichen in Bezug auf Rassismus zu entwickeln und dies in die Format- und Methodenauswahl miteinfließen zu lassen.

Dieser Kurzbericht wurde aus der Perspektive einer teilnehmenden Person verfasst und gibt einen Einblick in die Workshopinhalte.

Referentin:

Karima Benbrahim (IDA NRW)

Inhalt:

Im Rahmen des Workshops wurde Intersektionalität als die Analyse der Verschränkung von Unterdrückungs- und Benachteiligungsformen in Bezug auf vielfältige Kategorien (wie Geschlecht, race, Alter, Klasse, Ability, Sexualität) beschrieben. Mit dieser Perspektive auf das Gesamtgeflecht von Ungleichheitsverhältnissen werden sowohl Formen von Mehrfachdiskriminierung als auch die mögliche Gleichzeitigkeit von Privilegierung und Deprivilegierung sichtbarer. In Mehrfachdiskriminierung überschneiden sich verschiedene Diskriminierungsmerkmale und wirken somit stets miteinander. Intersektionalität beschreibt entsprechend nicht ein theoretisches Konzept, sondern eine alltägliche Lebensrealität.

Das im Kontext von Bildung und Beratung oft separat über eine Diskriminierungskategorie, beispielsweise aufgrund von Rassifizierung, gesprochen wird, als sei sie getrennt von anderen Ungleichheitsformen, ist problematisch. Wie aber lässt sich Intersektionalität in die Bildungsarbeit für Menschen mit Rassismuserfahrungen integrieren? Derzeit werden zudem in pädagogischen Kontexten zahlreiche Diskussionen um Intersektionalität stark auf interaktive, seminaristische Formate und darin geeignete didaktische Zugänge zur direkten Thematisierung von Diskriminierung und Privilegierungen fokussiert. Eine intersektionale Orientierung in der politischen Bildungsarbeit ist jedoch eine Querschnittsaufgabe, die alle Ebenen und Aufgaben innerhalb einer Organisation betrifft.

Erkenntnisse:

Intersektionalität lässt sich in die Beratungs- und Bildungsarbeit über mehrere Strategien einbinden, jeweils abhängig von der eigenen Positionierung und Perspektive. Wichtig ist, das Thema nicht als zusätzliche Arbeitsbelastung zu sehen, sondern als Erleichterung und Analyse der Lebenswirklichkeit zu normalisieren, im Alltag stets mitzudenken – etwa bei der Konzeption von Programmen, Flyern oder Anträgen die Zielgruppe im Blick zu haben. Im Workshop wurde besprochen, inwieweit in der Arbeit mit Intersektionalität die eigene Auseinandersetzung mit Mehrfachdiskriminierung und der Gleichzeitigkeit von Privilegierung und Deprivilegierung eine wichtige Rolle spielen sollte.

Durch eine diskriminierungskritische Haltung lassen sich eigene Privilegien sowie die zum Beispiel internalisierte rassistische Sozialisation reflektieren. Thema war auch die gleichzeitige Arbeit mit unterschiedlichen Ansätzen wie im Rahmen von Empowerment-Räumen, Safer Spaces oder in Braver Spaces; aber auch Strategien des Powersharing, der Teilhabe und des Einsatzes von Ressourcen. Mithilfe einer intersektionalen Perspektive kann strukturelle Diskriminierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen, als Macht- und Dominanzverhältnisse, betrachtet werden und lässt sich die eigene Positionierung analysieren – ohne dabei die eigene Handlungsfähigkeit zu vergessen. Wichtig war der Workshopleitung, in der intersektionalen Bildungs- und Beratungsarbeit – beispielsweise im Rahmen von Organisationsentwicklung – die eigenen Grenzen zu erkennen und einzuhalten.

Der permanente Einsatz berge die Gefahr des Ausbrennens und der Erschöpfung. Berater_innen und politische Bildner_innen tragen nicht allein die Aufgabe, die Strukturen, in denen sie arbeiten, zu reformieren – hier muss die Leitungsebene mitziehen. Statt des Handelns Einzelner braucht es Arbeitsgruppen zur Netzwerkentwicklung. Hier sind intersektionale Organisationsentwicklungsprozesse relevant, bei denen externe Begleitung hinzugeholt, Verbündete gesucht, Arbeitsgruppen gebildet und Bündnisse geschlossen werden.

Dieser Kurzbericht wurde aus der Perspektive einer teilnehmenden Person verfasst und gibt einen Einblick in die Workshopinhalte.

Referent_in:

ManuEla Ritz

Inhalt:

Der Workshop diskutierte grundlegende Fragen: Was genau ist Adultismus und wie können sich Erwachsene in die Selbstreflexion begeben? Welche schwierigen Situationen können im Kontext von Adultismus entstehen und welche Lösungswege gibt es?

Erkenntnisse:

Adultismus ist die erste Diskriminierungsform, die wir alle erleben, und zugleich die einzige, die wir alle schon erlebt haben. Adultismus beschreibt das Machtungleichgewicht, das zwischen jungen Menschen einerseits und sogenannten Erwachsenen andererseits besteht. Im Unterschied zu den meisten Diskriminierungsformen existiert hier ein reales Machtungleichgewicht; denn kleine Kinder können nicht allein überleben.

Deshalb müssen Erwachsene sich fragen, wann das Ungleichgewicht real und wann es konstruiert ist – also welche Dinge junge Menschen sehr wohl bereits selbst (mit-)entscheiden oder umsetzen können. Aus adultismuskritischer Sicht ist es nicht nur sinnvoll und fair, Regeln mit allen Beteiligten auszuhandeln, sondern auch aufmerksam gegenüber ungeschriebenen Regeln zu sein, die für junge Menschen oft spürbarere Konsequenzen haben als für Erwachsene. Um zu überprüfen, ob und welche Regeln sinnvoll sind, können folgende Fragen gestellt werden:

  • Wollen wir, dass jungen Menschen partizipieren? Wenn ja: Warum? Wenn nein: Warum
    nicht?
  • Wie weit können und wollen wir gehen, wenn es darum geht, unsere erwachsene Macht zu
    teilen?
  • Was sind wir zu riskieren bereit, um echte Partizipation junger Menschen zu ermöglichen?
    Ehe Erwachsene jungen Menschen einen Vortrag darüber halten, was Partizipation sei, sollten sie
    besser die jungen Menschen fragen, was sie unter Beteiligung verstehen und wann sowie wobei sie in
    welcher Weise mitbestimmen wollen. Denn Partizipation ist immer beides: Erschwernis, aber auch
    eine echte Chance für Veränderung hin zu Besserem.
  • Was regelt die jeweilige Regel?
    Dient sie (wirklich) dem Schutz der jungen Personen?
    Regelt die jeweilige Regel das Zusammenleben oder ist sie Ausdruck erwachsener Macht?
  • Kann ich Regeln, die ich alleine aufstelle und nicht aushandle, besser begründen als mit
    Argumenten wie: „Weil ich es sage!“?
    Der Glaubenssatz, Kinder bräuchten Grenzen, hält einer adultismuskritischen Prüfung nicht stand.
    Richtiger wäre die Aussage: Menschen brauchen Grenzen. Als Alternative zum gängigen Modell –
    Erwachsene begrenzen Kinder – empfiehlt sich, die eigenen Grenzen aufzuzeigen, das Gegenüber
    einzuladen, seine Grenzen zu benennen, und gemeinsam herauszufinden, wie die jeweils
    persönlichen Grenzen von jungen und erwachsenen Menschen geachtet und gewahrt werden
    können.

Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Frage: Wann lässt man Kinder und Jugendliche ihre eigenen Erfahrungen machen und wann schützt man sie? Und dies, ohne dabei adultistisch zu handeln. Im Workshop wurde deutlich, dass sich nicht alle Fragen pauschal beatworten lassen, sich aber die Auseinandersetzung mit dem Thema immer lohnt – sowohl für Erwachsene als auch für junge Menschen.

Ausblick:

Auch wenn junge Menschen in einer Welt, die strukturell von Adultismus geprägt ist, aufwachsen, kann jede_r Erwachsene für diese jungen Menschen eine adultismusfreie Oase sein, in der man sich in Gleichwürdigkeit begegnet. Zur persönlichen Selbstreflexion empfehlen sich Fragen wie: „Wen sehe ich, jenseits deines Alters?“ „Was kann ich von dir lernen?“ Eine weitere Empfehlung, wie Erwachsene überprüfen können, ob sie adultistisch denken und/oder agieren, sind die Fragen: „Würde ich über eine_n Erwachsene_n in vergleichbarer Situation Ähnliches denken/sie_ihn ähnlich be- oder verurteilen?“ „Würde ich mit einer erwachsenen Person auch so umgehen?“ Für die Vereinsarbeit, aber auch für die Arbeit in anderen Institutionen, empfiehlt sich, im Team der Erwachsenen folgende Fragen ehrlich zu besprechen und zu beantworten:

Empfehlung:

Ritz, ManuEla; Schwarz, Simbi: Adultismus und kritisches Erwachsensein. Hinter (auf-)geschlossenen Türen, Münster 2022.

* Hinweis der LpB und des Referenten: Das Junge Forum hat sich bewusst für die Verwendung des Begriffs „Antiziganismus“ entschieden. Ein weiterer Begriff, der Rassismus gegen Sinti und Roma/Sinti_zze und Rom_nja beschreibt, ist bspw. Gadje-Rassismus.

Dieser Kurzbericht wurde aus der Perspektive einer teilnehmenden Person verfasst und gibt einen Einblick in die Workshopinhalte.

Referent:

Maik Claasen (Junges Forum gegen Antiziganismus e.V.)

Inhalt:

Der Workshop befasste sich mit der Geschichte der Sinti und Roma bzw. Sinti_zze und Rom_nja von ihrer Herkunft und Ankunft im Gebiet des heutigen Deutschland bis zur NS-Zeit sowie mit ihrer aktuellen Lebenssituation. Erarbeitet wurden die Verfolgungsgeschichte, der Widerstand im Holocaust, das Leben in der Nachkriegszeit (zweite Verfolgung) und erste Bürgerrechtsbewegungen der Sinti und Roma bzw. Sinti_zze und Rom_nja.

Erkenntnisse:

Im Workshop wurden Ressentiments und Vorurteile gegenüber Sinti und Roma bzw. Sinti_zze und Rom_nja in jedem Lebensbereich herausgearbeitet: von der Schule und Wohnungssuche über die Bildungsstätte bis hin zu Polizei und Behörden. Anhand mehrerer Beispiele wurde die historische Kontinuität der Diskriminierung – vor und während der NS-Zeit sowie bis heute – verdeutlicht. Waren Sinti und Roma bzw. Sinti_zze und Rom_nja während des Holocaust brutaler Verfolgung, Zwangsarbeit und Vernichtung ausgesetzt, begegnen ihnen auch heute noch strukturelle, institutionelle Diskriminierungen und zahlreiche Barrieren.

Hier bedarf es einer gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung und Sensibilisierung für die aktuelle und historisch gewachsene Diskriminierung von Sinti und Roma bzw. Sinti_zze und Rom_nja. Generalisierende und stereotypisierende Aussagen über die Gruppe der Sinti und Roma bzw. Sinti_zze und Rom_nja prägen gegenwärtig das Leben vieler Menschen in Deutschland – unabhängig davon, ob sie eine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen oder nicht. Der Workshop bot allen Teilnehmer_innen eine Grundlage, um sich mit dem Themengebiet Rassismus gegenüber Sinti und Roma bzw. Sinti_zze und Rom_nja zu befassen, und gab Gelegenheit zum gemeinsamen Austausch.